Der vergessene Dichter

Jena, Erlangen, Bamberg, Nürnberg, Heidelberg, Tübingen… sie alle hatten ihre romantischen Dichter. Doch was ist mit Würzburg? Auf der Suche nach einem Literaten dieser Epoche bin ich auf August Graf von Platen-Hallermünde gestoßen, der von April 1818 bis Oktober 1819 in Würzburg wohnte. Nun, als klassischer Romantiker  zählt von Platen nicht, auch wenn sein „Tristan“-Gedicht durchaus romantisch anmutet. ich zitiere hier kurz den Anfang:

„Nur wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheim gegeben,
Wird für keinen Dienst der Erde taugen,
Und doch wird er vor dem Tode beben…“

Der 22-Jährige von Platen widmete sich in Würzburg dem Studium der Rechte. Er verliebte sich unglücklich in einen Kommilitonen, der zwar von Platens Freundschaft erwiderte, sich aber nach der Offenbarung dessen homosexueller Neigungen schroff von ihm abwandte. Von Platens Tagebucheinträge geben Aufschluss über seine innere Zerissenheit, zeigen aber auch, welchen Eindruck er von Würzburg und der Umgebung hatte. Im April 1818 schrieb er dort:

„In der Stadt finde ich mich nun ziemlich herum. Sie hat viel enge Straßen und häßliche Häuser, doch auch wieder große und schöne Gebäude, sehr viele bedeutende Kirchen und Brunnen.“

Etliche Tage später notierte er: „Vor einigen Tagen fuhr ich mit Gruber nach Zell hinunter auf dem Main. Es ist ein gewöhnlicher Spazierort der Würzburger. Die Gegend und Mainufer gefielen mir durchaus nicht. Man sieht nichts als Weinberge; kein grüner Hügel, kein schattiger Baum, keine Aussicht aus dem engen kahlen Thale. Der Main hat eine schmutzige Farbe. […] Die hiesigen Gesellschaften sollen sehr langweilig seyn. Wie könnte ich es verantworten, wenn ich in ihnen meine Zeit verschleppte?“

Kein Wunder, dass die Würzburger August von Platen eher stiefmütterlich behandeln. An seinem ehemaligen Wohnhaus am Sternplatz findet sich eine unauffällige Gedenktafel:

Darüber hinaus wird dem Dichter seit den 1930er Jahren eine Straße in der Sanderau gewidmet; nur wurde ihm das „von“ geklaut. Die „Platenstraße“ ist an sich recht unscheinbar, hat aber in ihrer Hausnummer 1 einen besonderen Getränkemarkt beheimatet, der ein bisschen Berliner-Kiez-Flair in den verschlafenen Stadtteil bringt. Denn dort kann man nicht nur das Feierabend-Bier kaufen, sondern selbiges auch in guter Gesellschaft an einem aufgestapelten Bierkasten-Tisch trinken und die Weltlage besprechen.

 

 

 

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